1997 Zärtliches Ei

Zärtliches Ei

Vor über hundert Jahren wurde ein Huhn 7 Jahre alt und legte ein knappes Dutzend Eier pro Jahr. Heute legt ein Huhn in seinem gut einjährigen Leben bis zu 300 Eier. Wozu werden denn all diese Eiern produziert?

Der umweltbewusst und trendgemäss vegetarisch lebende, aber trotzdem genussfrohe Mensch von heute kauft sich im Feierabendstress noch schnell etwas Gemüse, sein Pack Nudeln, etwas Rahm und ein paar Freilandeier ein. HALT, schon ist's passiert. Sein Umweltbewusstsein wurde hintergangen. Denn wahrscheinlich trägt er, ohne es zu ahnen, auch Eier aus Qualhaltung mit nach Hause. Ja wie denn das? Das Corpus delicti steckt in den Teigwaren.
Noch sind Freilandeier dermassen rar, dass (je nach Informationskanal) mittels Falschdeklaration bis zu 4 mal mehr davon verkauft als produziert werden... Bodenhaltungs-Eier könnten das schlechte Gewissen einiger Konsumenten, die vom Fernsehen her abstossende Bilder von Hühnerfabriken vor Augen haben, eventuell etwas beruhigen. Genau diese Käfighaltungseier jedoch werden in den meisten Teigwaren verwendet, und zwar zwischen 2 und 4 Stück pro Kilo. Den Nudeln sieht KonsumentIn schliesslich nicht an, dass das auf Höchstleistung gezüchtete - fast federlose - Huhn auf einem kaum mehr als A4-Blatt grossen Käfigboden seine unzähligen Eier abliefern muss. Kommt es nach 15 Monaten in die Mauser, taugt es vielleicht noch als Basis für Hühnerbrühe, viel älter würde es wahrscheinlich ohnehin nicht. Einem auch schon mal mit Rinderhirn im Tiermehl gefütterten Tier könnte vielleicht auch BSE das Leben verkürzen. Eine irrsinnige Anforderung an die Lege-Leistung eines Huhns wie nur tierverachtende Menschen es hochzüchten konnten. Hätte der Mensch die Eierproduktion bei der Frau ebenso vervielfacht, wäre mit mindestens einem Eisprung täglich zu rechnen. Die Tampon- und Kopfweh-Industrie hätte Umsätze...
Wie sieht es denn in Sachen Teigwaren bei den Grossverteilern und Produzenten im Detail aus? Die Waro macht kein Geheimnis daraus. Dort werden nur Käfighaltungs-Eier von Lüchinger&Schmid in Kloten, verwendet. Die Hero bezieht grösstenteils Käfighaltungseier von Schweizer Händlern wie Lüchinger&Schmid oder Hungerbühler, und zwar aufgeschlagen, gemixt, gefiltert, pasteurisiert im gekühlten Tank angeliefert. Für ein einziges, unscheinbares, anonymisiertes, Kilopack Nudeln muss ein Huhn also 3 Tage lang im Minikäfig einer Fabrik depressiv dahinvegetieren.
Der im Bio-Bereich sonst die Nase vorn habende Coop rief 14 Tage nach der Anfrage an. Alle Teigwaren enthielten Käfig- und eventuell noch ein bisschen Bodenhaltungseier meinte die Dame vom Konsumentendienst. Coop bezieht demnach die gleiche Eimasse wie Hero. Als der Befragten klar wurde, dass es hier um einen Salz&Pfeffer Artikel ging, herrschte eine Aufregung wie beim Fuchsbesuch im Hühnerstall. Nur die Pressestelle dürfe dem Schreiber Auskunft erteilen. Der Pressesprecher jedoch konnte am Telefon nicht grad sagen, wie das mit den Eiern sei. Und auch 3 Wochen später war noch kein Bescheid für den schreibenden Konsumenten eingetroffen. Einige Wochen später jedoch, gab er dem Kassasturz Auskunft. Irgendein Paket Spätzli sei mit Bodenhaltungseiern produziert.
Gar keine Nachricht kam bis zur Abgabe dieser Zeilen von Denner. Soll jedoch alles stets billig sein, ist das wohl kaum mit den teureren Eiern möglich...
Die Migros bemusterte uns mit 3 neuen Teigwarensorten auf Basis von Bodenhaltungs-Eiern, zusammen mit der Entschuldigung und Erklärung, die Käfighaltung bleibe zusätzlich weiterhin im Sortiment, da es einfach zu wenig Bodenhaltungs gebe.
Solange in anderen Ländern Legefabriken erlaubt sind und deren Produkte importiert werden dürfen, wird der Anteil an Bodenhaltungs-Eiern in Europa wohl weiterhin 5% nicht übersteigen. Und solange KonsumentIn nicht überlegt, mit welchen Produkten vielfach unnötigerweise Eier mitgegessen werden, wird das auch so bleiben. Sicher spielt ausserdem der Preis eine Rolle. Aber Hand aufs Herz: Wären - wenn es denn unbedingt Eier drin haben muss - 50 Rappen oder 1 Franken mehr für das Pack Hörnli nicht ein glücklicheres Hühnerleben wert? Solange der Konsument beim Grossverteiler immer alles billiger einkaufen will, wird der Grossverteiler diesen Preisdruck dem Produzenten weitergeben. Dieser wird auf das schwächste Glied der Produktionskette zurückgreifen: Das Tier.
Was tun? Ausweichen auf Teigwaren von der kleinen italienischen Pasta-Produktion an der Ecke? Diese stellen ihre Teigwaren vielleicht... Falsche Hoffnung, eine Anfrage bei Pasta Romagna z.B. brachte zutage, dass sie nicht mal wissen möchten, woher ihre Eier stammen. Die echt italienische Mamma tschudderets ohnehin, wenn sie an Spaghetti mit Eier im Teig denkt.
Bleiben also nur die neuen Teigwaren aus dem Migros-Sortiment? Wem z.B. abgeschnittene oder -geäzte Schnabelspitzen oder andere Vereinfachungen des "Produktionsablaufes" im Bodenhaltungsbetrieb recht sind, der soll sein Gewissen mit diesen neuen Teigwaren beruhigen.
Vielleicht darf man im Restaurant mit den garantiert hausgemachten Teigwaren noch mit reinem Gewissen... Kleine, nicht repräsentative Umfrage:
Der August in St. Gallen kann mit gutem Gewissen den Eierkarton neben die Teigmaschine stellen. Es sind ökologisch bewusst eingekaufte Freilandeier. Bravo, da gehen wir bedenkenlos hin.
Das Doktorhaus zu Wallisellen verwendet entweder pasteurisierte Masse oder Importeier...
Im Ermitage am Zürichsee werden für 17 Gault&Millau Punkte Teigwaren, Glace etc. basierend auf Eiern aus sogenannt grosser Bodenhaltung hergestellt, die von Egg, also regional bezogen werden. Da könnte man ziemlich guten Gewissens hin, wenngleich das nicht nur der Eier wegen seinen Preis hat...
In der Zürcher Altstadt verwendet das Turicer Freilandeier aus Frankreich. Ein Öko-Spagat. Lieber einige Lastwagenkilometer aber dafür glückliche Hühner?
Die Eier die Mövenpick für die schon in Kürze ISO-zertifizierte Glaceproduktion verwendet, sind etwa zu 60% aus Bodenhaltung. Mehr sei auf dem Markt nicht erhältlich. Aber dafür ist das Glace frei von Zusatzstoffen.

Im Kleingedruckten von Fertigprodukten finden sich manchmal Zusatz-Bezeichnungen wie etwa Eiweisspulver. Eiweisspulver klingt etwa so organisch-natürlich wie Stangenei. Es lässt sich beispielsweise zu Merengue verarbeiten, oder zu Quorn, oder zu sonstwelchen industriellen Massenprodukten, bei denen kaum jemand das Gedruckte liest.
Woher kommt denn Eipulver? Vielleicht aus China? Etwa die Hälfte der weltweit produzierten 600 Milliarden Eier werden in China produziert. Wohl stellen die Chinesen einen Viertel der Weltbevölkerung, aber dieses Viertel wird doch nicht die Hälfte aller Eier dieser Welt essen? So ist davon auszugehen, dass chinesische Eier in verschiedenster Form auch ausserhalb Chinas konsumiert wird. Wie gehen denn Chinesen mit Hühnern um, wenn schon beim Thema Menschenrechte grosse Defizite herrschen?

Je länger man sich mit dieser SauerEi befasst, desto mehr kommt die Erkenntnis, dass „Back to the roots“ dem Tier gegenüber fair wäre. Der Vorschlag für das reine Gewissen im Alltag: Hartweizengriess-Teigwaren, wie sie z.B. die Hero unter dem Bio-Label, die Migros unter dem Namen Caramia oder die Usego von der Biodomaine anbieten. Dafür gibt’s am heiligen Sonntag als Festschmaus hausgemachte Nudeln auf die man sich schon die Woche im voraus freuen kann. Und der heilen Welt zuliebe glauben wir, dass Daniel E. bei seiner „Zärtlichkeit des Sonntagsbratens“* als Beilage auch an Nudeln mit Eiern von zärtlich gehaltenen Hühnern dachte.


*Die Zärtlichkeit des Sonntagsbratens. Geschwister Eggli.